Mit der richtigen Mischung aus Volumen und Intensität zu mehr Leistung, besserer Fitness und langfristiger Gesundheit.
Wenn es einen einzigen physiologischen Wert gibt, der mehr über deine Ausdauerleistung, deine Gesundheit und sogar deine Lebenserwartung aussagt als fast jeder andere, dann ist es die maximale Sauerstoffaufnahme, kurz VO2max. Wer ihn versteht und gezielt trainiert, hat einen echten Vorteil, sowohl auf der Rennstrecke, als auch weit darüber hinaus.
Was ist VO2max?
VO2max beschreibt, wie viel Sauerstoff dein Körper pro Minute und Kilogramm Körpergewicht maximal aufnehmen und verwerten kann. Die Einheit ist ml/kg/min. Je höher dieser Wert, desto mehr Energie kann dein Körper aerob produzieren und desto schneller und länger kannst du dich bewegen, ohne in die anaerobe Schuld zu geraten.
Vereinfacht gesagt: VO2max ist die Grösse deines Motors. Ein grösserer Motor bedeutet mehr Potenzial — aber wie du ihn einsetzt, entscheidet der Rest deines Trainings.
VO2max-Richtwerte auf einen Blick
Ein gut trainierter 55-jähriger Ausdauersportler, der konsequent und klug trainiert, kann VO2max-Werte von 50–60 ml/kg/min halten. Das entspricht dem Niveau eines untrainierten 30-Jährigen. VO2max sinkt ohne Training etwa 1% pro Jahr — konsequentes Ausdauertraining bremst diesen Rückgang erheblich.
„Regelmässiges Ausdauertraining kann den altersbedingten Rückgang von VO2max erheblich verlangsamen — und damit das biologische Alter um 10 bis 20 Jahre zurückdrehen.“
VO2max und Lebenserwartung
Die Forschung der letzten Jahrzehnte ist eindeutig: VO2max ist einer der stärksten unabhängigen Prädiktoren für Gesamtmortalität und kardiovaskuläre Erkrankungen, stärker als Blutdruck, Cholesterin oder Body-Mass-Index.
Studien zeigen, dass Menschen mit einem hohen VO2max-Wert nicht nur länger leben, sondern auch länger gesund und funktionsfähig bleiben. Jede Steigerung um 3,5 ml/kg/min reduziert das Sterblichkeitsrisiko um etwa 13%. Wer von der schlechtesten in die nächste Fitnessgruppe aufsteigt, halbiert sein Risiko.
Das Erhöhen der VO2max ist eine der wirkungsvollsten Gesundheitsinterventionen und sie zu erreichen kostet kein Geld sondern man muss sich einfach regelmässig etwas anstrengen.
Wie verbessert man VO2max?
VO2max lässt sich auf zwei komplementären Wegen verbessern — und beide gehören in einen gut durchdachten Trainingsplan.
Weg 1: Volumen — lange, lockere Einheiten
Der erste und oft unterschätzte Weg führt über aerobes Grundlagentraining. Lange Einheiten bei moderater Intensität (Zone 1–2) wirken tief in der Physiologie: Sie erhöhen das Schlagvolumen des Herzens, verbessern die Kapillarisierung der Muskulatur, steigern die Mitochondriendichte und erhöhen das Blutvolumen sowie die Hämoglobinmasse, alles direkte Bausteine von VO2max. Besonders für Einsteiger und moderat trainierte Athleten sind VO2max-Zuwächse durch reines Volumen gut belegt, auch ohne Intervall Einheiten. Der lange Lauf am Wochenende baut sowohl das Fundament für die aerobe Fitness und ist auch ein VO2max-Werkzeug.
Weg 2: Intensität — Intervalle und Tempoarbeit
Der direkteste und zeiteffizienteste Weg führt über hochintensive Einheiten, die den Körper nah an seine maximale Sauerstoffaufnahme bringen. Bei gut trainierten Athleten, deren aerobe Basis bereits ausgereizt ist, liefert Intensität den entscheidenden zusätzlichen Reiz. Bewährt haben sich:
- Lange Intervalle bei 95–100% VO2max-Intensität (z.B. 4–6 × 3–5 Min. mit kurzer Pause)
- Kurze Hochintervalle — z.B. 30/30-Methode: 30 Sek. hart, 30 Sek. locker
- Tempoläufe an der Laktatschwelle, die den Unterbau für VO2max-Arbeit legen
- Berganläufe als gelenkschonende Variante mit hoher kardiovaskulärer Last
Das 80/20-Prinzip: beide Wege kombinieren
Die Forschung zeigt, dass die besten Ergebnisse durch maximale Intensität allein entstehen, sondern durch eine kluge Kombination so wie sie das polarisierte Training bietet. Etwa 80% des Trainings sollten im lockeren aeroben Bereich stattfinden — das ist der Bereich, in dem Volumen und Erholung ineinandergreifen. Die verbleibenden 20% gezielte Intensität liefern dann den entscheidenden Zusatzreiz. VO2max-Intervalleinheiten sind wirksam, aber sie brauchen Erholung. Zu viel hohe Intensität führt zu Stagnation oder Verletzung, zu wenig lässt Potenzial auf dem Tisch liegen.
Wann ist der beste Zeitpunkt VO2max zu trainieren?
Am besten wird VO2max während eines strukturierten Trainingsplans aufgebaut. Am sinnvollsten ist es, die VO2max-Stimulation progressiv zu integrieren, beginnend mit leichten Reizen in der Basis und zunehmend spezifisch im Aufbau und Peak.
Taper-Phase — Wochen 17–18
Während des Tapers reduzierst du das Trainingsvolumen deutlich aber VO2max-Einheiten gehören auch in den Taper, aber in stark reduzierter Form. Der Zweck ist nicht mehr Fortschritt, sondern Schärfe: Die Kapazität, die du über 16 Wochen aufgebaut hast, soll frisch und abrufbereit an den Start kommen. Kurze, intensive Strides und ein kontrolliertes Mini-Intervall halten das System auf Betriebstemperatur. Wer im Taper gar nichts mehr macht, riskiert, sich träge und flach zu fühlen. Wer zu viel macht, kommt ermüdet an die Startlinie. Die goldene Mitte: wenig, aber scharf.
Faustregel: Intensität bleibt erhalten — Volumen wird halbiert (Woche 17) und nochmals halbiert (Woche 18). Was nicht trainiert wurde, kann jetzt nicht mehr nachgeholt werden.
Praktische Hinweise zum VO2max-Training
- VO2max-Intensität entspricht etwa deiner 5-km-Wettkampfpace oder einem RPE von 8–9/10.
- Nie zwei harte VO2max-Einheiten in Folge. Mindestens ein leichter Tag dazwischen.
- In Erholungswochen (alle 3–4 Wochen) VO2max-Einheiten reduzieren oder weglassen.
- Gut schlafen, gut essen — VO2max-Fortschritte entstehen in der Erholung, nicht im Training.
- VO2max-Intensität entspricht grob dem oberen Bereich von Zone 4 oder Beginn Zone 5 (nach LTHR-Klassifikation).
Fazit: trainiere deinen Motor
VO2max ist mehr als nur eine Leistungskennzahl – sie ist ein zentraler Marker für deine Gesundheit und dein langfristiges Leistungsvermögen. Als Ausdauersportler kannst du diesen Wert gezielt verbessern und damit nicht nur schneller werden, sondern auch gesünder bleiben. Entscheidend ist, dass du anfängst: Trainiere regelmässig, kombiniere lockere Einheiten mit Intensität und gib deinem Körper Zeit zur Erholung. Warte nicht – beginne heute, deinen Motor zu entwickeln.
Hauptquellen (Auswahl)
- Bassett & Howley (2000) — Medicine & Science in Sports & Exercise — Grundlagenarbeit zu VO2max als limitierender Faktor der Ausdauerleistung; zentrales Referenzwerk zur Physiologie.
- Laukkanen et al. (2016) — JAMA Internal Medicine — Langzeitstudie zur Verbindung zwischen kardiorespiratorischer Fitness (VO2max) und Gesamtmortalität sowie kardiovaskulärem Risiko.
- Seiler & Tønnessen (2009) — International Journal of Sports Physiology and Performance — Grundlagenarbeit zum 80/20-Polarisierungsprinzip; erklärt, warum die Kombination aus Volumen und Intensität überlegen ist.
- Milanović et al. (2015) — Sports Medicine — Meta-Analyse zu HIIT und VO2max-Zuwächsen; belegt die Wirksamkeit hochintensiver Intervalle im Vergleich zu moderatem Ausdauertraining.
- Tanaka & Seals (2008) — Journal of Physiology — Untersuchung des altersbedingten VO2max-Rückgangs und wie Ausdauertraining diesen bei Masters-Athleten verlangsamt.








